Im Alter von sechs Jahren begann Philipp Rapp Kunstrad zu fahren. Der heute 23-jährige Psychologie-Student hat in seinen ungefähr 17 Jahren im Sport so einige Erfolge vorzuweisen. Seinen bisher größten Erfolg feierte er 2025 mit dem Weltmeistertitel im Einer-Kunstradfahren. Im Interview gibt er einen Einblick, was ihn so am Kunstradsport fasziniert, was sich durch seinen WM-Titel alles verändert hat und wie er als angehender Sportpsychologe jetzt schon jungen Athlet*innen helfen möchte.
Hallo Philipp, wie bist du zum Kunstradsport gekommen?
Ich habe mit dem Kunstradsport angefangen wegen meinem Cousin. Mein Opa hat ihn immer ins Training gefahren und ich bin dann mal mit. Das ist jetzt ungefähr 17 Jahre her. So ganz genau erinnere ich mich gar nicht mehr daran, aber ich habe mir wohl gedacht, cool was man alles auf dem Rad machen kann, das möchte ich auch machen.
Was fasziniert dich an deinem Sport?
An meinem Sport gefällt mir, dass er abwechslungsreich ist, dass ich über 30 Übungen perfekt beherrschen und nicht nur in einer Sache gut sein muss. Außerdem finde ich es toll, dass ich mich mit mir selbst messen kann, unabhängig von den Leistungen anderer.
Wann hast du gemerkt, dass du besser als viele andere in deinem Alter bist?
So richtig bewusst geworden, ist mir das eigentlich erst mit 16 oder 17 Jahren. Ich habe gemerkt, wenn ich die nächsten Jahre nochmal etwas mehr reinstecke, dann könnte es sich richtig lohnen.
Dein Weltmeistertitel letztes Jahr war ein riesiger Meilenstein in deiner Karriere. Wie hast du diesen Moment erlebt?
An den Moment habe ich leider gar nicht mehr so viele Erinnerungen, da alles etwas viel auf einmal war und man danach auch nicht wirklich Zeit hatte, das zu verarbeiten, da es direkt Bilder, Glückwünsche und die Siegerehrung gibt. Aber ich schaue mir gerne Videos und Bilder an und erinnere mich gerne daran zurück.
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Was verändert sich mit so einem großen Titel?
Vereinzelt kommen Autogrammkarten-Anfragen oder man wird mal von Leuten erkannt, die die Zeitung lesen, was aber alles in einem überschaubaren Rahmen ist. Darüber hinaus würde ich sagen, das einzige was ich merke ist, dass man von potenziellen Sponsoren anders bzw. überhaupt wahrgenommen wird und man mit dem Titel eine andere Verhandlungsgrundlage bei Sponsorengesprächen hat.
Du hast mit der „Freien Stützwaage“ ein eigenes Element entwickelt. Wie ist diese Idee entstanden?
Also im Kunstradsport habe ich dieses Element sozusagen erfunden, wobei man natürlich sagen muss, dass es die Planche, wie man im Englischen sagt, schon lange im Turnen und Calisthenics gibt. Kurz vor Corona habe ich die Planche in einem Video gesehen und mir gedacht, das wäre doch eine coole Übung im Kunstrad.
Wie lange hat es ungefähr gedauert, bis du sie perfekt beherrscht hast?
Gegen Ende 2023 kamen mein Trainer Dieter Maute und ich erst wieder auf die Idee, es richtig im Training anzugehen. Wir haben dann versucht uns schlau zu machen, welche Übungen und Trainingspläne es so gibt, und haben dann auch noch mit einem Calisthenics Sportler aus der Schweiz zusammengearbeitet. Insgesamt habe ich dann ungefähr eineinhalb Jahre daran trainiert.
Du studierst in Tübingen Psychologie. Wie schaffst du es, Studium und Leistungssport unter einen Hut zu bringen?
Ich habe da meinen Weg noch nicht so ganz gefunden, Sport, Studium und alles weitere miteinander zu vereinbaren. Momentan ist das alles schon sehr viel, aber ich arbeite daran.
Seit Jahren trainierst du bei uns in Albstadt. Welche Rolle spielt die Landessportschule in deiner Entwicklung als Sportler?
Seit ich 6 Jahre alt bin trainiere ich in Albstadt. In den letzten 17 Jahren bin ich in vielen verschiedenen Hallen Kunstrad gefahren und die Landessportschule ist sicher eine der besten, wenn nicht sogar der beste Ort, um Kunstrad fahren zu lernen.
Was unterscheidet Albstadt von den anderen Orten?
Die Halle ist optimal ausgestattet. Wir haben in der Spielhalle vier Seile, ich kenne keine andere Halle, die das so hat. Dazu kommen acht Flächen, davon zwei Wettkampfflächen. Der Boden ist super: nicht wellig, nicht rutschig, nicht zu schnell und nicht zu langsam, einfach ideal zum Trainieren. Auch der Kraftraum ist direkt in der Nähe der Halle, das ist natürlich perfekt. Und was für mich auch sehr wichtig ist, sind die Menschen vor Ort. Die Hausmeister und auch Schulleiter Markus Senft haben immer eine super Kommunikation mit uns, alle haben ein offenes Ohr.
Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus. Vom Training über Studium bis zur Regeneration?
Gegen 7:30 Uhr stehe ich auf und um ca. 23:30 Uhr gehe ich schlafen. Morgens versuche ich für die Uni zu lernen, dann gibt es bei meiner Oma Mittagessen und mittags lerne ich wieder oder erledige meine To-Do´s. In den Lernpausen mache ich hin und wieder ein paar Handstände, um wieder frisch in die nächste Runde zu starten.
Ca. 30-45 Minuten vor dem Training fange ich an, mich auf mein Training vorzubereiten. Ich versuche dabei mein Programm zu visualisieren, auf meiner Akupressurmatte zu liegen oder eine Runde im Wald spazieren zu gehen. Nach dem Training koche ich dann oder esse was vom Mittag übrig ist. Außerdem versuche ich nicht die ganze Zeit vor dem Bildschirm zu hängen, sondern mehr von dem zu machen, was mir guttut, wie Atemübungen, spazieren gehen oder puzzeln.
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Auf Instagram bist du recht aktiv und machst dort viele Kurzvideos. Warum machst du das?
Ich möchte beruflich in die Sportpsychologie und im Bereich Social Media sehe ich eine große Chance, Sportler*innen zu erreichen. Mein Ziel ist es, die Sportpsychologie bekannter und zugänglicher zu machen und eventuell dem*der ein oder anderen Sportler*in jetzt schon weiterhelfen zu können. Ich teile dort eben eigene Erfahrungen oder Erkenntnisse, die ich in Zusammenarbeit mit Sportpsychologen herausgefunden habe.
Welche Tipps würdest du jungen Athlet*innen ans Herz legen?
Es ist keine Schwäche sich „Hilfe“ zu suchen. Denn den Kopf, also unser Gehirn, kann man trainieren wie jeden anderen Muskel im Körper und es wird noch viel zu sehr unterschätzt. Der Weg ist das Ziel, hat sicher schon jeder mal gehört. Aber es ist wichtig, sich damit zu beschäftigen. Man sollte es lernen den Weg dorthin zu genießen und Spaß im Training und beim Erreichen kleiner Ziele zu haben und nicht den Fehler zu machen zu denken, wenn ich das endlich geschafft habe, dann…
Welche sportlichen und persönlichen Ziele hast du für die nächsten Jahre?
Mein Hauptziel ist es, die Wettkämpfe, aber vor allem die WMs, mehr zu genießen und mich mehr darüber freuen, wenn es gut lief. Und nicht direkt in Reflektion zu verfallen, was ich hätte besser machen können. Ich möchte die Zeit die ich jetzt noch habe, genießen. Denn diese Momente werden nach meiner Karriere so sicher nicht wieder kommen. Es bringt nichts, einem Titel hinterherzulaufen, wenn man keinen Spaß daran hat.